Casa Milà – Das Mittelmeer in Stein gemeisselt

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Frühling 1910, der schwerreiche Textilfabrikant Perè Milà und seine Frau besuchen einen Rohbau in bester Citylage, den sie vier Jahre zuvor an den Architekten Antoni Gaudí in Auftrag gegeben hatten. Der frischgebackene Hausbesitzer ist geschockt und bringt kein Wort hervor. Seine Gattin, La Senyora Roser Segimon i Artells, sieht sich mit grossen Augen um, wird leichenblass und haucht: „Que horror“. Auch viele Barcelonier nähern sich neugierig und betrachten ungläubig das Delirium von Formen und Farben. Einige wenden sich kopfschüttelnd ab und schnell findet das Werk eines der grössten Architekten des 20 Jahrhunderts seinen abschätzigen Spitznamen „La Pedrera“, was so viel wie „der Steinbruch“ bedeutet.

Casa Milá Eigentümer

Die Eigentümer der Casa Milà, Pere Milà und Roser Segimon

Was war los. Der Häuslebauer hatte sich auf ein Jahrhundertgenie eingelassen, das sich über alle Konventionen hinwegsetzt und für den Architektur und Kunst eine tief religiöse, philosophische Bedeutung einnehmen. Zeitvorgaben, Budgetbeschränkungen und behördliche Auflagen sind da bestenfalls gut gemeinte Vorschläge und so wird der Bau von zermürbenden Querelen mit der Stadtverwaltung und dem Auftraggeber begleitet. Die Geschäftsbeziehung zwischen Milà und Gaudí endet vor Gericht, da Milà eine ausstehende Honorarzahlung nicht begleichen wollte oder konnte. Das Gericht gab Gaudí recht und Milá musste trotz seines Vermögens wie ein gewöhnlicher Bürger eine Hypothek auf das Haus aufnehmen.

Steingewordenes Mittelmeer – Die Fassade von Casa Milà

Und sie bewegt sich doch, könnte der Betrachter annehmen, vor allem bei Ansicht von der Provençastrasse. Die Wellenform zusammen mit der Wirkung von Licht und Schattenabstufungen bei Sonneneinstrahlung ergeben eine fliessende Dynamik, die an einen schönen Tag am Mittelmeer erinnert. Keine Kurve ist identisch mit einer anderen und selbst Unregelmässigkeiten scheinen einem bestimmten Konzept zu folgen. Die Fassade besteht aus einzelnen Steinblöcken, die von erfahrenen Steinmetzen behauen wurden. Nichts überlässt Gaudí dem Zufall. Er baut zunächst Gipsmodelle im Masstab 1:10 und übergibt sie, in Einzelteilen zerlegt, seinen Steinmetzen als Vorlage. Selbstverständlich überwacht er detailversessen jeden Arbeitsvorgang. Ein bemängelter Stein muss eben ersetzt werden, und das geschieht in einigen Fällen bis zu vier Mal.

Die Geländer erinnern an Meeresalgen und entsprechen so gar nicht dem Repräsentationsbedürfnis der katalanischen Upper Class denn das Rohmaterial stammt von nahegelegenen Schrottplätzen. Gaudis Leute suchten dort Rohre, Stangen, Bleche, Ketten Gitter etc. schmiedeten damit die Geländer in die gewünschte Form und schraubten sie anschliessend vor Ort zusammen. Kunstverständige sehen hier die ersten Vorläufer der abstrakten Kunst und manche Einzelteile könnten religiöse Inhalte symbolisieren.

Casa Milà im Vídeo – Ein Meisterwerk der Natur

Animation produziert von www.lapedrera.com

Wohnen im Casa Milà

Die Eigentümer oder Mieter betreten eine Traumwelt in Pastellfarben mit wellenförmigen Decken, individuellen Säulen und runden Wänden. Die surreale Welt des Casa Milà beginnt bereits am Haupteingangstor aus Schmiedeeisen und Glas mit unterschiedlich runden und ovalen Öffnungen. Auch hier erscheint die Unregelmässigkeit einer höheren Ordnung zu folgen und das ist kein Zufall. Der katalanische Modernisme ist eine lokale Form des europäischen Jugendstiles und orientiert sich an geometrischen Konzepten der Natur wie dem goldenen Schnitt oder der Fibonacci-Folge. Möglicherweise waren auch die Muster von Schmetterlingsflügeln die Vorlage der Eingangspforte.

Die Vorhalle ähnelt einer Höhle mit einer Decke die wie ein surreales Unwetter auf den Besucher hinab dröhnt. Jede einzelne der tragenden Säulen unterscheidet sich von den anderen und geht in weichen Rundungen und Wellen in die Decke über. Der Betrachter hört fast ein sanftes „Blubs“ wenn die Säule in die Decke eindringt. Die farbenfrohen Wände sind mit historischen Figuren und religiösen Allegorien bemalt. Zur hochherschaftlichen Wohnung der Familie Milà in der ersten Etage gelangt der Besucher über eine breite Marmortreppe auf der rechten Seite der Vorhalle. Die Geländer sind auch hier wieder organisch geformt und professionell verarbeitet mit Schmiedeeiseteilen original aus den Schrottplätzen Barcelonas. Für die Mieter hat Gaudí zwei bahnbrechende Neuheiten vorgesehen, nämlich einen Aufzug bis in die sechste Etage und eine Tiefgarage für Automobile.

Die Ästhetik und die Kosten fanden zwar keinen Beifall von seiten der Eigentümer, über Platzmangel konnten diese jedoch nicht klagen. Mit 35 Zimmern und mehr als 1300 Quadratmetern Wohnfläche Süd, Ost- und Westseite hatten die Milàs ausreichend Wohn und Bürofläche. Auch hier sieht und spürt der Besucher deutlich die Handschrift des Meisters. Wellenförmige Decken, mit Strudeln durchsetzt, Fliessen mit angedeuten Meeresfossilien und Türrahmen und Säulen wie gehabt mit rundlichen Formen, runden Ausbuchtungen und abstrakten Formen. Selbst Türgriffe und Möbel sind mit geschwungenen Linen gestylt und nehmen bereits grundsätzliche Konzepte der modernen Ergonomie vorweg.

Casa Milà Bildergalerie

  • Casa Mila Geländer
    Geländer mit Eisen aus dem Schrottplatz

Fantasy im Obergeschoss

Eine Steigerung des Surrealen ist tatsächlich möglich, wie ein Besuch der Dachterrasse beweist. Hier hat Gaudí eine Fantasywelt erschaffen, die so in Star Wars oder Herr der Ringe stehen könnte. Die Belüftungstürme erinnern an Darth Vader und die Treppenausgänge sind mit bunten, etwas psychedelisch wirkenden Trencadis – Mosaiken versetzt.

Das Obergeschoss ist ein einziger freier Raum mit 800 Quadratmetern ohne eine einzige Säule. Das Dach wird von Bögen getragen die der sogenannten Kettenlinie entsprechen. Die Biegung entspricht dem Durchhang einer auf beiden Seiten hängenden Kette. Dreht man diese Kette mit diesem Durchhang um 180 º erhält man die Masse des Bogens, der das Dachgewicht optimal verteilt. Heute befindet sich im Dachgeschoss der Espai Gaudi mit Modellen, Bildern und animierten Exponaten.

Casa Milà heute

Für den Bauherrn war Casa Milà ein Fiasko, für Barcelona und die Architekturgeschichte hingegen ein Segen. Das Gebäude repräsentiert den modernistischen Freigeist der Epoche und wurde 1984 von der UNESCO als Weltkulturerberbe erklärt. Heute steht fest: Gaudí war seiner Zeit weit voraus und nahm Trends vorweg, die erst in späteren Jahren in Erscheinung treten sollten.

Die Casa Milà ist ein Symbol für die Schaffenskraft der Belle Epoque der Stadt, in der ein vermögendes Bürgertum, mediterrane Experimentierfreude und das Genie eines einzelnen Menschen sich zu einem Monumentalbauwerk konzentrierten um das heute kein Architekturstudent herumkommt. Ein perfekter Sturm von Kreativität und Innovation von der die Designerstadt Barcelona heute noch zehrt.

Pere Milà und seine Gattin Roser bezogen das Haus im Jahre 1911. Gleich nach Gaudis Tod im Jahre 1926 liess Roser die Möbel von Gaudí abtransportieren und die Ornamente und Schriften auf Säulen und Decken mit Gips verdecken. Heute gehört das Gebäude der Stiftung Fundación Catalunya-La Pedrera und die verdeckten Elemente wurden vollständig restauriert. Pere Milà starb 1940, seine Frau Roser 1964. Beide wohnten bis zu ihrem Lebensende in der Casa Milà.

Barcelonatipps: Nach dem Bau der Casa Milà nimmt Gaudí keine Aufträge mehr an, um sich ausschliesslich der Sagrada Familia zu widmen.

Chassan Jalloul

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