Ein visionäres Schachbrett – El Eixample

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Vor allem im Sommer hielten es die Menschen kaum noch aus. Die Strassen stanken vor Urin und Müll, kaum ein Windhauch drang in die engen Gassen und in den Wohnblocks drängten sich die Arbeiterfamilien auf engstem Raum. Choleraepidemien rafften allein im Jahre 1854 mehr als 6000 Menschen hin. Dennoch suchten immer mehr verarmte Landarbeiter in Barcelona ihr Glück.  Die Textilfabriken brauchten billige Arbeitskräfte und im Laufe von 50 Jahren zuvor war die Zahl der Einwohner daher von 115 000 auf 160 000 angewachsen. Die Bevölkerungsdichte erreichte den höchsten Wert von allen Städten Europas.

Barcelona war eingezwängt zwischen einer mittelalterlichen Stadtmauer, dem Meer, dem Berg Montjuic und der Festung de la Ciutadela. Die Bourbonen regierten mit fester Hand und erlaubten seit der Niederwerfung der Katalanen im Jahre 1714 keine Bebauung ausserhalb der Stadtmauern, wo ein riesiges freies Feld zur Landwirtschaft genutzt wurde. Selbst die Industrieansiedlungen waren in entfernten Siedlungen untergebracht.

Goldene Aussichten vor den Mauern der Stadt
Mit den Jahren war der Ruf jedoch nicht mehr zu überhören. „Abajo las murallas“, Nieder mit den Mauern lautete die dringende Forderung der Stadt an Madrid. Die Stadtväter vergaben Ausschreibungen zur Planung der freien Fläche und drängten die Zentralregierung, endlich eine Urbanisierung zuzulassen. Direkt vor den Toren befindet sich immerhin eine Freifläche zehn Mal so gross wie die Stadt innerhalb der Mauern. Welche Aussichten wären das, wenn Madrid endlich die Bebauung erlauben würde. Goldene Zeiten warten auf Visionäre, Spekulanten und Abenteurer. Freigeister, Architekten und Politiker entwerfen Pläne, schreiben Traktate, treffen sich in Cafés und in den Gängen der Machtzentren und diskutieren über eine fantastische, nahe Zukunft.

Ildefons Cerda

Ildefonso Cerdá. Stadtplaner des Eixample

Von allen Visionären ragt einer ganz besonders hervor. Der Ingenieur und Stadtplaner Ildefonso Cerdá hatte eine Studie zu den unzumutbaren Wohn- und Arbeitsverhältnissen angefertigt und war einer der wenigen Bürger, die ein Arbeiterwohnaus von innen gesehen haben. Unzählige Male stieg er enge Treppenaufgänge hoch, sprach mit Arbeiterfamilien, inspizierte ihre stickigen Wohnungen und erlebte ihre Not in nächster Nähe. Wenn er nur zum Zuge käme. Eine bessere und gerechtere Gesellschaft würde er schaffen. Nicht mehr und nicht weniger.

Sein neuer Stadtteil würde einfach Eixample (Erweiterung) heissen. Dort gäbe es kein Reichenviertel mehr, es würden 20 Meter breite Strassen gebaut werden, um die Belüftung zu optimieren und kein Haus würde eine Höhe von mehr als 16 Metern übersteigen. Alle Häuserblocks sollten in Quadraten von 113 Metern Seitenlänge gebaut werden, mit Innenhöfen mit mindestens 100 Bäumen und auf 25 Blocks käme eine gute Schule. Kinder sollten genügend Platz zum Spielen haben. Die Anordnung der Blocks wäre wie auf einem Schachbrett mit 51 Strassen zwischen Meer und Berge und 23 Strassen quer.  Alle Blocks hätten eine schräge Kante im 45º Winkel, um die Sicht für künftig vorbeifahrende Eisenbahnen zu gewährleisten.

Mumpitz sagten die Bürger Barcelonas. Sie orientierten sich an Paris oder Wien und bevorzugten den Entwurf des Stararchitekten Antoni Rovira i Trias, der die umliegendenden Urbanisationen harmonisch eingliederte und für seine Zeit durchaus fortschrittlich war. Er plante repräsentative Alleen und Parks und die Arbeiter hätten weit bessere Lebensbedingungen, selbstverständlich in gebührlicher Entfernung zu den Vierteln der Bessergestellten. Am 8 Juli 1860 fiel die Entscheidung. Cerdá erhielt tatsächlich den Zuschlag. Widerruf oder sonstige Einsprüche ausgeschlossen. Den Madridern gefiel der Plan unter anderem deshalb, weil sie durch die breiten Strassen, eventuelle Volksaufstände besser niederschlagen könnten.

Der Eixample heute
Wer heute durch die Strassen des Eixample fährt dankt es dem Herrn Cerdá. Die schrägen Kanten, die sogenannten Xamfrans, verbessern in der Tat die Sicht und sind bevorzugte Plätze für Strassencafés. Die gesamte Struktur erleichtert die Orientierung in der Stadt. (Wenn nur die Beschilderung besser wäre.) Von wenigen Ausnahmen abgesehen, fährt man entweder zwischen Berg oder Meer oder schnurgerade quer. Als Orientierung dienen auch drei Strassen, die die gesamte Stadt durchkreuzen mit den prosaischen Namen, Diagonal, Paral·lel  und Meridiana. Die anderen Strassennamen durfte der katalanische Dichter Víctor Balaguer vergeben.

Die Visionen Cerdás sind noch deutlich, wenngleich die Bauherren nachträglich viele Baumassnahmen an ihre Bedürfnisse anpassten. Von den 100 Bäumen in jedem Innenhof ist nichts mehr übrig. Vielmehr drückten die Bauherren nachträglich Baugenehmigungen für Wohnungen und Werkstätten durch. Auch die Bauhöhe überschreitete bald die vorgesehenen 16 Meter, um ein weiteres Stockwerk hinzuzufügen. Dennoch: Auch wenn Spekulanten den Plan Cerdá nachträglich verwässerten gilt das Eixample heute als gelunges Beispiel moderner Stadtplanung.

Das strenge Schachbrettmuster und die gleichförmigen Bauten waren zwar ein Greuel für die Vorreiter des katalanischen Modernismus, andererseits inspirierten gerade die identischen Blocks die Lust an der Dekoration. Irgendwie will man sich ja unterscheiden und so kann der Besucher heute Hunderte von Häusern mit prachtvollen Fassaden und kunstvoller Schmiedekunst betrachten. Das beste Beispiel hierfür ist die „Manzana de la Discordia“  (Block der Disharmonie) am Paseo de Gracia zwischen Calle de Aragón und Consejo de Ciento. Hier lieferten sich drei Genies des katalanischen Jugendstils (Modernismo),  Lluís Domènech i Montaner, Antoni Gaudí und  Josep Puig i Cadafalch, ihre künstlerischen Schlachten, finanziert vom katalanischen Bürgertum und perfekt in Szene gesetzt durch die grosszügig angelegten Strassen des Plan Cerdá.

Hassobjekt Eixample
Cerdá gilt als Gründer der modernen Stadtplanung (und des Wortes „Urbanismo“) und hat als Verfasser des Standardwerkes „Allgemeine Theorie der Urbanisierung“ seinen festen Platz in der Geschichte. Heute zweifeln nur wenige, dass der Eixample in seiner jetzigen Form ein Glücksfall für die Stadt und ein Meilenstein in der Stadtentwicklung war. Die Entscheidung dazu wurde jedoch von Madrid, gegen den ausdrücklichen Willen der Stadtverwaltung aufgedrückt. Für die stolzen Katalanen des Renaixença war das ein Affront. Man stelle sich vor, die preussische Regierung in Berlin hätte den Münchnern vorgeschrieben, wie sie ihren wichtigsten Stadtteil gestalten sollten. Für viele war der Eixample daher ein Hassobjekt und Cerdá wurde Zeit seines Lebens von den katalanischen Nationalisten angefeindet. Puig i Cadafalch ging so weit, alle Ausgaben der „Allgemeinen Theorie der Urbanisierung“  aufzukaufen und zu verbrennen. Cerdá starb hochverschuldet im Jahre 1876. Die Stadt hatte ausstehende Honorare nicht gezahlt.

Man wird den Eindruck nicht los, dass nach wie vor eine grosse Distanz zum Gründer des grössten Stadtteils Barcelonas besteht. Ein Denkmal von Cerdá sucht man vergeblich. Wohl aber gibt es eines seines Wiedersachers Antoni Rovira i Trias. Es gibt lediglich eine kleine Sackgasse mit dem Namen Carrer Cerdá im abgelegenen Stadtteil Sant Adria. Ein Denkmal aus der Franco Zeit musste einer Strassenerweiterung weichen und wurde nie wieder aufgebaut.

Barcelonatipps: Interessantes Beispiel wie Visionen sich manchmal durchsetzen und anschliessend verwässert werden.

 

 

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