Glamour und Kultur im Paseo de Gracia

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Wer um 1895 die Stadt verliess und nach etwa 15 Jahren zurückkehrte, kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Eine Handvoll Geschäftsleute haben in weniger als 20 Jahren einen ländlich geprägten, breit angelegten Weg zum Vorort Gracia in einen Prachtboulevard verwandelt. Nun stehen am Paseo de Gracia pompöse Bauten, die es in dieser Form und in diesem Stil nirgendwo sonst auf der Welt gibt. Der 50 Meter breite Boulevard mit den typischen abgeschrägten Ecken (Chaflan), des Stadtteils Eixample bietet eine herrliche Kulisse für das Repräsentationsbedürnis der katalanischen Bourgeouisie. Geld war genug da. Die Auftraggeber waren Grosskapitalisten, die mit Textilien, Schokolade, oder Überseegeschäften mit Südamerika Millionen verdienten. Es waren knallharte Geschäftsleute, nicht immer kunstsinnig, aber fortschrittsgläubig und experimentierfreudig.

Paseo de Gracia um 1895

Katalonien ist anders. Inspiriert vom Art Nouveau aus Frankreich oder dem Sezessionsstil aus Österreich zeigte man sich selbst und der Welt, wer man ist. Immerhin war Katalonien nach Lesart der Nationalisten im Mittelalter ein mächtiges Land, das nach Jahrhunderten der Dekadenz, dank der Industrialisierung wieder zu Weltgeltung aufstieg. Der Ruhm der Vergangenheit wird daher in vielen mittelalterlichen Stilelementen wieder lebendig. Traditionelle Handwerksbetriebe werden mit kunstvollen Glasarbeiten und Schmiededeisen beauftragt, die völlig neue Techniken entwickeln um ihre anspruchsvolle Kundschaft zu befriedigen. Blumenmotive werden in kurvige Laternenpfähle geschmiedet, Drachen und Wappen aus Stein gemetzelt und Parkbänke belegt man mit Keramikmosaiken.

Ausser Geld gab es in diesen Jahrzehnten noch etwas in Hülle und Fülle, nämlich die besten kreativen Köpfe. Oftmals liessen die Erbauer, nicht immer mit tiefgründigem Kunstverständnis beglückt, den Baumeistern freie Hand. Diese nahmen das Geld dankbar an und setzten ihre Ideen um. Beseelt von Fortschrittsgläubigkeit,  gepaart mit Kompetenz und besten Kenntnissen über neueste Technologien schufen Architekten, Bildhauer, Schmiede in einem Tsunami von Schaffenskraft den charakteristischen Barcelonastyle. Der Paseo de Gracia ist heute das modernistische Freilichtmuseum der Stadt mit symbolträchtigen Häusern, jedes mit eigener Geschichte und Geschichten.

Ein Spaziergang von der Plaza de Cataluña nach Gracia

Ein Spaziergang entlang des 1,5 Kilometer langen schnurgeraden Boulevards ist bestimmt nicht langweilig. Neben den opulenten Häusern der katalanischen Bourgeoisie bieten hier internationale Luxusketten wie Gucci, Rolex oder Armani ihre Waren an. Der Spaziergang beginnt an der Plaza de Catalunya und endet in Gracia.

Casa Pascual i Pons,  Paseo de Gracia 4, Enric Sagnier, 1891

Casa Pacual i Pons Barcelona

Casa Pascual i Pons. Paseo de Gracia 2-4

Gut sichtbar von der Plaza de Cataluña befindet sich ein Bau mit zwei Spitztürmen, der von den Familien Sebastià Pascual y de Alexandre Pons unter der Leitung des Architekten Enric Sagnier erbaut wurde. Die ornamentalen Elemente, sowohl in den Fenstern als auch im steinernen Geländer des Hauptgeschosses, sind alle aus dem konventionellen gotischen Repertoire entnommen. Heute gehört der Bau einer Versicherung, die 2016 das Gebäude für 30 Millonen Euro von Grund auf neu renoviert hatte.

Cases Rocamora,  Paseo de Gracia 8-10, Joaquim Bassegoda i Amigó, 1914

Cases Rocamera. Paseo de Gracia 8-10

Der Plural „Cases“ deutet es schon an: Eigentlich sind es vier Häuser, die jedoch einheitlich im neogotischen Stil gebaut wurden. Antoni Rocamera war der Sohn eines Selfmademillionärs, der es in Kuba zu ansehnlichen Reichtum gebracht hatte. Antoni führte nach seiner Rückkehr die Geschäfte weiter und schaffte es zum grössten Seifenhersteller des Landes. 1912 beauftragt er den Architekten Joaquim i Bonaventura Bassegoda i Amigó mit dem Bau, der ganz offensichtlich vom Nachbarn Casa Pascual i Pons inspiriert wurde. Das Dach wird von einer mittelalterlich anmutendenden konischen Kuppel mit orangefarbigen Keramiken dominiert, die je nach Lichteinfall ihre Tönung ändern.

Casa Malagrida, Paseo de Gracia 27, Joaquim Codina i Matalí, 1908

Casa Malagrida. Paseo de Gracia 27

Der Zigarrenfabrikant und Marketinggenie Manuel Malagrida i Fontanet  hat es geschafft. Als junger Mann emigrierte er zunächst nach Paris, später nach Argentinien wo er eine Zigarrenfabrik gründete. Mit aufsehenerregenden Marketingaktionen, wie Luftschiffen in Form einer Zigarre über Buenos Aires, Sponsoring von berühmten Künstlern und Gedichten auf der Zigarrenpackung schaffte er es zum Multimillionär. Mit knapp 50 Jahren kehrt er mit seiner jungen Frau zu seiner alten Heimat zurück und errichtet 1908 einen der schönsten Jugendstilbauten des Paseo de Gracia.

Malagrida gestaltet seinen Palast konsequent nach den Ideen des Jugendstils mit geschwungenen Formen und Elementen aus der Blumen- und Pflanzenwelt. Seine alte Heimat Argentien, wo er es zum Millionär gebracht hat ehrt er mit Skulpturen eines Kondors und eines Porträts des argentinischen Präsidenten General Mitre.

Der 'Zankapfel' - La Manzana de la Discordia

Konkurrenz belebt das Geschäft, sehr zum Vorteil der Nachwelt. Drei der besten Architekten Europas haben hier auf kleinsten Raum eine kreative Schlacht veranstaltet. Zwischen Calle Aragon und Consejo de Ciento stehen drei Prachtbauten, die für den Publikumsverkehr offen stehen.

  • Casa Lleó Morera von Lluís Domènech i Montaner
  • Casa Amattler von Josep Puig i Cadafalch
  • Casa Batlló von Antoní Gaudí

Die Fantasy-Fassaden sind keineswegs Neubauten. Die Eigentümer kauften bestehende Gebäude und beauftragten die Stararchitekten mit der Sanierung. Vorgabe: „Hier soll etwas hin, was es sonst nirgendwo gibt“. Und das ist ihnen gelungen.

Casa Lleó Morera, Paseo de Gracia no 35, Lluís Domènech i Montaner, 1905

Casa Lleo Morera

Casa Lleó Morera. Paseo de Gracia no 35

Der Auftraggeber war der Arzt und Chirurg Albert Lleó i Morera, Laborleiter eines Hospitals. Er stammt aus einer gutsituierten Familie, die ihr Vermögen in Südamerika gemacht hatte. Er war ein hochgebildeter Mann und glaubte an den Fortschritt. Am Balkon hat er 4 Skulpturen anbringen lassen, die die neuesten Erfindungen darstellen. Das Telefon, das Grammophon, die Elektrizität und die Fotografie. Nicht weniger als 40 Artisten haben eine avantguardistische Ausstattung bis ins letzte Detail geschaffen. Die Leitung übernahm Lluís Domènech i Montaner, der als einer der Mitbegründer des Modernisme gilt.

Casa Amatller, Paseo de Gracia no 41, Josep Puig i Cadafalch, 1900

Casa Amatller. Paseo de Gracia 41

Antoni Amatller i Costa übernahm als junger Mann die Schokoladenkonditorei seines Grossvaters und formte daraus mit modernen Produktions- und Marketingmethoden ein Imperium. 1900 weihte er vor staunendem Publikum seinen exotischen Palast ein, der die späteren Bauwerke inspirierte. Er war nicht nur ein erfolgreicher Geschäftsmann, sondern auch ein Kreativer, der die revolutionären Technologien der Fotografie beherrsche. Im obersten Stockwerk richtete er sein eigenes Studio ein.

Die Fassade weist die typisch neugotischen Figuren und florale Elemente auf. An der Fassade sind zwei  asymmetrischen Türen angebracht, die durch einen Heiligen Georg des Bildhauers Eusebi Arnau verbunden sind. Die Inneneinrichtung wurde erst 2015 renoviert und enthält fast vollständig die Originalausstattung von 1900. Bei der Renovierung wurden neue Details entdeckt, wie ein versteckter Aufdruck der katalanischen Nationalhymne an der Decke.

Casa Battló, Passeig de Gracia 43, Antoní Gaudí, 1906

Casa Battló Barcelonatipps

Casa Battló, Passeig de Gracia 43

 

José Battló war ein erfolgreicher Textilunternehmer, verheiratet mit Amália Godó aus der Familie des Gründers der Zeitung „La Vanguardia“.  Er war offen für Neuerungen und bauftragte den Stararchitekten Antoni Gaudí aus einem bestehenden Gebäude etwas zu schaffen, was es sonst nirgendwo gibt.

Das ist gelungen. Ein entfesselter Gaudí, ausgestattet mit genügend finanziellen Mitteln, gestaltet eine Fassade, die keinen Barcelonier kalt lässt und zu allen möglichen Kommentaren verleitet. Haus der Knochen, Haus der Masken, Haus des Drachen und vieles mehr. Kunstkenner erinnert das spektakuläre Werk an die Seerosenbilder von Claude Monet.

Für die Fassade verwendet Gaudí den erstklassigen Montjuïc Sandstein und formt die Säulen wie Knochen mit Knorpeln, gemischt mit pflanzenförmigen Darstellungen. Gerade Linien findet man kaum, sogar die Fenster und Türen sind mit schwungvollen Formen gestaltet. Die Wellenform scheint chaotisch, aber dennoch ahnt man eine innere Ordnung, mit aufsteigender Richtung. Typisch für den katalanischen Jugendstil sind die Trenquadis Mosaiken, deren Platzierung der Meister selbst vom Paseo de Gracia beaufsichtigt wurde. Die Wellenform konnten die Planer nicht detailliert zu Papier bringen. Daher formte Gaudí in monatelanger Kleinarbeit zunächst Gipsmodelle bis er die gewünschte Gestaltung erreicht hatte.

Casa viuda de Marfá Passeig de Gracia 66 / Valencia 274,  Manuel Comas i Thos, 1904

Casa viuda de Marfá Passeig de Gracia 66

Eine Mischung aus mittelalterlicher Gothik und grossbürgerlicher Mansión erhebt sich in bester Ecklage. Die prunkvolle Fassade zeigt Richtung Chaflan, das sind die typischen abgeschrägten Ecken des Stadteils Eixample. Der untere Teil erinnert mit tief heruntergezogenen Arkaden erinnert an neoromanische Kircheineingänge. Das kontrastiert sehr reizvoll mit hohen schlanken gothischen Säulen des Balkons gleich darüber. Die Fassade wird eingerahmt von zwei abgeschrägten Eckflächen mit Erkern.

Bancs-Fanals, Pere Falques i Urpi, 1906

Beliebter Hintergrund auch für Profis. Fanals Blanc

Typisch für den Passeig de Gracia sind die 32 Sitzbänke die um modernistische Laternenpfähle herumgebaut wurden. Die Laternen aus Schmiedeeisen  im „Coup de Fouet“ stil mit spiralförmigen pflanzlich anmutenden Formen gestaltet. Die Bank selbst mit weichen Formen  den typisch modernistischen Keramikscherben (Trencadís) belegt.

Am oberen Teil der Straßenlaterne, über der Fahrbahn hängt das Hauptlicht und das Wappen der Stadt. auf der gegenüberliegenden Seite, wo das Licht hängt, wo der einzige rechte Winkel des Sets gezeichnet ist, erscheint das Schild der Stadt, gekrönt von der Kreiskrone mit der Fledermaus. Der Legende nach, wurde König Jaume I von einer Fledermaus vor dem Vormarsch seiner Feinde gewarnt. Eine weitere Lampe hängt auf der gegenuberliegenden Seite um den Bürgersteit zu beleuchten.

Casa Milá (La Pedrera), Passeig de Gracia 92, Antoní Gaudí, 1910

La Pedrera

Casa Milá. Paseo de Gracia 92


„Das sieht ja aus wie ein Steinbruch“, riefen viele Barcelonier aus, nachdem sie dieses avanguardistische Prunkstück erblickt hatten. Und so erhielt die Casa Milá, das letzte zivile Werk des Architekturgenies Antoní Gaudí seinen Spitznamen „La Pedrera“. Milá war ein Bewunderer des Casa Battló und wollte eigentlich etwas ähnliches und so liess er dem Meister frei Hand. Gaudí hatte jedoch anderes im Sinn.

Das Ergebnis: Ein Delirium von wellenförmigen Fassaden, mit Eisengeländern aus dem Schrottplatz. Alles erinnert an ein steingewordenes Mittelmeer. Im Inneren befindet sich eine Traumwelt in Pastellfarben und wellenförmigen Decken. Keine Säule ist wie die andere und gerade Linien findet man nur dort, wo es wirklich nicht anders geht.

Casa Ramón Casas, Paseo de Gracia 96, Antoni Rovira i Rabassa, 1898

Casa Ramón Casas

Casa Ramón Casas. Paseo de Gracia 96

Der Eigentümer Ramon Casas ist ausnahmsweise kein Geschäftsmann, sondern einer der bedeutendsten Maler Spaniens. Für Geschäfte hatte er nicht viel übrig, viel mehr widmete er sein ganzes Leben der Kunst. Er konnte es sich leisten, denn sein Vater hatte in Kuba ein Vermögen gemacht und seine Frau stammt aus der katalanischen Grossbourgoisie. Die Steinfassade ist von schlichter Eleganz mit aus Stein gemeisselten Balustraden mit Muschel-und Blumenmotiven.

Casa Bonaventura Ferrer,  Passeig de Gracia 113, Pere Falqués i Urpi, 1906

El Palauet

Casa Bonaventura Ferrer, Passeig de Gracia 113


El palauet „Das Palästchen“ liegt etwas versteckt im Vergleich zu den grossen Brüdern weiter unten. Mit seinem wuchtigen Balkonvorsprung und den verspielten floralen Ornamenten beherrscht der Bau eindeutig  die Szenerie. Heute befinden sich in dem Gebäude Luxusappartements.

Der Architekt Falqués wurde vor allem bekannt durch die verspielten Strassenlaternen auf dem Paseo de Gracia. und auf dem Passeig de Lluís Companys.

Casa Marià Fuster i Fuster, Passeig de Gracia 132, Lluís Domènech i Montaner, 1911

Casa Fuster Barcelonatipps

Casa Marià Fuster i Fuster, Passeig de Gracia 132

Casa Fuster

Initialen CF von Fusters Frau Consol Fabra

Der Anwalt und Maler Marià Fuster war verliebt. In seine Frau Consol Fabra i Puig. Und um das für alle Welt deutlich zu machen begnügte er sich nicht mit einem Graffiti auf einer Parkbank, sondern baute ihr einen mittelalterlich anmutenden Palast am obersten Ende des Passeig de Gracia. Die Initialen C.F. sind diskret am der rückwärtigen Wand Jesús angebracht. Schlanke Säulen, angedeutete Lilien über den Balkonfenstern, wuchtige Erker, weisser italienischer Marmor, nichts war für Herrn Fuster gut genug.Darüber hinaus heuerte er den Stararchitekten Domènech i Montaner an, der als sechzigjähriger Senior auf eine lange Reihe von spektakulären Projekten zurückblicken konnte.

Der modernistische Taj Mahal wäre in den sechziger Jahren beinahe abgerissen worden. Eine Bürgerinitiative, geführt von jungen Architekten, konnte das gerade noch verhindern. Einer der schillerndsten Besucher war der junge Willy Brandt, der 1937 als junger Revolutionär eine Rede vor einer Jugendorganisation hielt.

Das Hotel Casa Fuster ist heute ein Luxushotel, das zum Monument der Stadt Barcelona erklärt wurde. Dank seiner Geschichte und Architektur gehört es zu den teuersten Hotels der Stadt, mit Suiten für bis zu 1.700 Euro pro Nacht.

Barcelonatipps: Nach Besichtigung lohnt sich ein weiterer Spaziergang auf der parallel gelegenen Rambla de Catalunya (nicht zu verwechseln mit den Ramblas“ mit seinen vielen Strassencafés.

Chassan Jalloul


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