Saskia Lingk aus Heidelberg

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Fast mit militärischer Planung suchten Saskia und ihr damaliger Freund vor vier Jahren ihre künftige Bleibe. Mit Hilfe von Google Maps, Google Street View, Standortanalyse von Bahnhöfen und Bushaltestellen hatten sie ihre Entscheidung getroffen. Ein Arbeitervorort mit Namen Barberá del Valles, ca. 15 km von Barcelona entfernt. Keine coole Kneipen, kein Strand und fast ohne Landsleute. Und das ist gut so.  Die Leute sind ehrlich und offen und nehmen dich wie du bist. Direkt in Barcelona zu wohnen ist nicht ihre Sache. Zu viel Stress und zu viel Anonymität.

Junge Leute wie Saskia trifft man oft an ungewöhnlichen Orten in der Fremde oder auf Rucksackreisen. Weltgewandt, vielsprachig, gesprächig und immer irgendwie in Bewegung. Dienstags Flamencogruppe in Barberá und donnerstags Tango in Barcelona. An Wochenenden fährt sie öfter mal mit ihrer Truppe zu Aufführungen. Das ist mehr als nur Ausgleich zu ihrem Job als Deutschlehrerin an einer Privatschule. Die Leute da sind einfach fantastisch und hier findet sie auch das einmalige Spanienfeeling. Unkompliziert, offen und tolerant. Aus diesem Grund möchte sie nicht mehr weg und kann sich eine Rückkehr nach Heidelberg nur schwer vorstellen.

Saskia Lingk auf einer Tierschützerdemo und bei einer Flamencoaufführung in Barcelona (rechts)

Was sie besonders anzieht ist auch die Sprache, die sie nun fast akzentfrei spricht. Als Philologin kennt und schätzt sie die Sprachgeschichte und Literatur und zitiert gerne Pablo Neruda oder Benito Pérez Galdós. Für Barcelonafans empfiehlt sie besonders Carlos Ruiz Zafón, der es auch in Deutschland in die Bestsellerlisten geschafft hat. Ansonsten schätzt sie die Unkompliziertheit, mit der die Menschen miteinander umgehen. Das soll nicht heissen, dass es keine Streitereien gäbe, die gibt es wirklich, und werden auch recht lärmig ausgefochten. Aber irgendwie ist das später vergessen und das war’s.

Natürlich gibt es auch Schattenseiten. Normalerweise klappt alles im täglichen Umgang mit Kollegen und so – aaaber. Da gibt es manchmal dieses Thema, das durchaus in einigen Fällen Probleme bereiten kann. „Weisst du was ich meine“. Völlig klar was sie meint. Es folgen vage Andeutungen und dann redet sie Klartext. „Ich spreche und verstehe katalanisch aber ich habe echt keine Lust mir von irgendwelchen Regierungsheinis vorschreiben zu lassen, wie ich wo reden soll“. Klare Ansage und alle Expats kennen das Thema. Normalerweise spielt das keine Rolle aber manchmal kommt unvermittelt und unerwartet irgend ein Kommentar. „Warum nicht, das wäre doch besser“…. „Aaaaber, wie gesagt, normalerweise sind alle unheimlich nett und fast immer kommt man mit spanisch gut zurecht“.

Der Verkehr ist auch manchmal etwas nervig. Auch hier klappt normalerweise alles, aber es gibt doch zu viele Autofahrer die ganz einfach den Zebrastreifen nicht beachten, oder dich nicht rückwärts rausfahren lassen. Auch beim Schlangestehen gibt es immer mal wieder ganz Schlaue die sich gerne vordrängeln.

Aber das sind wirklich nur Nebensächlichkeiten. Sie könnte stundenlang von interessanten Begegnungen und Erlebnissen berichten, die sie im Laufe der Jahre verändert haben. Hier ist sie aktive Tierschützerin und Vegetarierin geworden, nachdem sie ein grausames Foto einer Tierschutzorganisation gesehen hatte. Trotz, oder gerade wegen der Stierkampf-„tradition“, Spaniens gibt es hier eine starke Bewegung, die sich für die Rechte der Tiere einsetzt. Sie vermittelt hin und wieder Adoptionen von verlassenen Hunden und Katzen und verzichtet auch ganz auf Keidung aus Leder und auf getestete Kosmetik. Für Saskia war das  „Eine der besten Entscheidungen meines Lebens“.

Sie würde nicht jedem empfehlen nach Barcelona zu kommen. Das ist wirklich individuell verschieden. Sie selbst jedoch hat ihre Entscheidung keinen einzigen Moment bereut.

Chassan Jalloul

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